Mittwoch, 21. September 2022 - Guess who's back?

Nach gut 5 Jahren im Ausland bin ich am Freitagnachmittag in Zürich gelandet. Ich kann es mir noch immer nicht richtig vorstellen, aber ich bin zurück. Neo und ich beginnen gemeinsam im Oktober tatsächlich einen neuen Lebensabschnitt in Zürich.

Leider konnten Neo und ich aus Visumsgründen nicht gemeinsam in die Schweiz einreisen. Wer genaueres zu dem ganzen Visumsprozess wissen möchte, dem erzähle ich gerne in einem persönlichen Gespräch mehr davon. Nur so viel: Mein amerikanisches Visum ist Mitte September ausgelaufen und liess sich nicht mehr verlängern. Und Neos Visumsprozess für die Schweiz hat gut 6 Monate gedauert und er darf erst im Oktober einreisen, weswegen ich nun schon hier bin und er noch in Kalifornien.

Zwar ist das nicht ideal, aber die Zeit im Ausland hat mich bezüglich Flexibilität so einiges gelehrt. Lange Zeit war überhaupt nicht klar, wann genau wir in die Schweiz kommen können. Und als ich Ende August gemerkt habe, dass das so wie es geplant war nicht gehen wird und ich früher weg muss, habe ich gleich begonnen, die meisten unserer Sachen in den USA zu verkaufen oder wegzugeben und die Wohnung auszumisten. So muss Neo das nicht alles neben seinem Vollzeitjob erledigen, jetzt wo ich schon weg bin. Drückt uns also die Daumen, dass er nicht allzu lange in der halbleeren Wohnung verharren muss - ohne Sofa und Esstisch kann es schon mal ungemütlich werden. ;-)

Natürlich freue ich mich sehr auf den neuen Abschnitt hier in der Schweiz. Gleichzeitig war aber auch der Abschied nicht einfach... es ist ein komisches Gefühl, wenn man sein ganzes Leben, so wie man es kennt, "auflöst" und an einem anderen Ort neu anfängt. Besonders hart ist es, lieb gewonnen Freunde, Orte und Gewohnheiten zurückzulassen. Gleichzeitig ist ein Neuanfang auch immer aufregend - vieles ist unbekannt und man hat die Möglichkeit, Neues zu entdecken und ganz bewusst neue Rituale und Gewohnheiten einzuführen. Und ich bin unglaublich dankbar, dass ich das nun schon zum zweiten Mal gemeinsam mit Neo erleben darf.

Obwohl Vieles natürlich nicht ganz neu sein wird für mich. Und dennoch weiss ich, dass mein Leben in der Schweiz ganz anders sein wird als vor 5 Jahren, als ich die Schweiz verlassen habe. Zum ersten Mal werde ich die Schweiz auch durch die Augen eines "Ausländers" sehen, was nicht immer eine schöne Erfahrung ist. Und wie schon ein paar Mal in den letzten Jahren, darf ich die Schweiz und Europa wieder als Touristin erkunden. Ich werde Neo Orte und Dinge zeigen und dabei auch selbst viel Unbekanntes kennenlernen oder Altbekanntes wieder entdecken dürfen. Darauf freue ich mich ganz besonders.


Wie man sich vorstellen kann, gehen einem bei einem solchen Umzug viele verschiedene Gedanken durch den Kopf. Trauer darüber, dass etwas Schönes zu Ende geht. Ängste und Bedenken vor all dem Unklaren und Unbekannten. Vorfreude auf alles, was noch vor uns liegt. Um das alles im Detail zu beschreiben, bräuchte es wohl mehr als nur einen Blogeintrag. ;-) Deswegen habe ich mich entschieden, mich hier auf eine Gefühl zu konzentrieren, das für mich im Moment vorherrschend ist: Dankbarkeit.

Dankbarkeit fasst irgendwie alles Schöne und Schwierige zusammen.

Ich empfinde Dankbarkeit für alles, was ich in diesen 5 Jahren lernen durfte. Für all die schönen Orte die ich gesehen habe. Dankbarkeit für die Perspektivenwechseln, die ich erleben durfte und die mir geholfen haben, meinen Horizont zu erweitern. Und Dankbarkeit für all die netten Menschen, die ich in der Zeit kennenlernen durfte.

Ich empfinde Dankbarkeit dafür, dass ich im Ausland meinen Lebenspartner gefunden habe. Und dafür, dass wir nun diesen Weg gemeinsam gehen dürfen und es uns möglich ist, zusammen in der Schweiz etwas Neues aufzubauen.

Und nicht zuletzt empfinde ich Dankbarkeit dafür, dass ich in vielen verschiedenen Aspekten des Lebens so unglaublich privilegiert bin. 

Diese Dankbarkeit möchte ich gerne mitnehmen in meines neues, altes Leben. Das ist im Alltag gar nicht so einfach - selbst wenn man in einem der 10 reichsten Länder der Welt und in der Stadt mit der zweithöchsten Lebensqualität überhaupt wohnt (ich weiss, das kann man sich als Nicht-Zürcher nur schwer vorstellen, hihi ;-)).


Im Zusammenhang mit der Dankbarkeit gibt es noch etwas anderes, was in meinem neuen Leben eine wichtige Rolle spielen soll. Und zwar die Erkenntnis, dass Menschen einfach nur Menschen sind. Egal wie sie aussehen, wo sie herkommen, welcher Religion sie angehören oder welchen kulturellen Bräuchen sie folgen.

Das mag jetzt vielleicht banal klingen und du denkst dir "das wusste ich doch schon". In der Alltagsrealität vergessen wir das aber gerne. Da finden wir es "komisch", wie Menschen aus anderen Kulturkreisen sich verhalten. Wir urteilen über deren Gewohnheiten oder Verhalten, ohne zu verstehen, dass das einzig und allein mit unserer eigenen kulturellen Prägung zu tun hat. Was wir als "unanständig" oder "unpassend" empfinden hängt davon ab, was uns unsere eigene Kultur vorgibt und wir als Kind gelernt haben. Und die Dinge, die wir als "erstrebenswert" und "gut" empfinden, mögen in den Augen eines anderen völlig daneben wirken.

In meinem Alltag war und bin ich immer wieder mit Situationen konfrontiert, in denen genau dieses Thema ganz wichtig wird. Mein Mann und ich sind in zwei Kulturen aufgewachsen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Und immer wieder gibt es Momente, in denen ich mich selbst ertappe, wie ich etwas mir Fremdes be- oder gar verurteile, einzig und allein auf der Basis meines eigenen Wertesystems. Und dann muss ich mich selbst ermahnen: Es gibt mehr als einen "richtigen" Weg. Man kann Dinge auf viele verschiedene Arten tun und keine ist besser oder schlechter als die andere.

Auch wenn es nicht immer gelingt, das Leben aus diesem Blickwinkel zu sehen - wenn man es schafft, es ist unglaublich bereichernd und schön. Es eröffnet einem neue Welten von denen man keine Ahnung hatte, das sie überhaupt existieren. Dass ich das in meinem leben immer wieder aufs Neue erfahren darf, erfüllt mich mit Dankbarkeit.

Und so passt das Zitat, das ich vor langer Zeit für diesen Blog als Motto ausgewählt habe, noch viel besser zu meinem jetzigen Leben, als ich es mir damals hätte erträumen können:

"Es sind nicht unsere Unterschiede, die uns voneinander trennen. Es ist unser Unvermögen diese Unterschiede zu erkennen, zu akzeptieren und zu feiern." Audre Lorde


Und so wünsche ich uns allen, dass wir es schaffen, in unserem Leben vermehrt Dankbarkeit für alles Schöne zu empfinden, anstatt uns zu sehr auf das zu konzentrieren, was gerade nicht nach Plan läuft. Und dass wir unsere Unterschiede nicht als Hindernisse ansehen, die uns voneinander trennen - sondern als eine Bereicherung und eine Chance, Neues zu lernen und immer wieder unseren Horizont zu erweitern.


Kommentare

  1. Herzlich willkommen zurück, liebe Rahel! Ich bin heute per Zufall seit langem wieder mal auf deinem Blog unterwegs. Dir und Neo nachträglich die besten Wünsche zur Hochzeit und für euer gemeinsames Leben! Falls du ihm mal Basel zeigen willst (oder Riehen, wo ich inzwischen lebe und arbeite), gäbe es vielleicht eine Gelegenheit, sich nochmal zu sehen. So wünsche ich dir und dann im Oktober euch beiden einen guten Beginn in der Schweiz!
    Liebe Grüsse
    Dorothee (aus dem Arabischkurs)

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