Es ist Mitte Juli und über die Hälfte meiner Sommerferien ist schon um - aber wo sind denn die Tage hin? Ich sitze nach wie vor in unserer Wohnung in Menlo Park und die Zeit plätschert einfach so vor sich hin.
Eigentlich wäre das alles ja ganz anders geplant gewesen...
Eigentlich wäre ich Ende Juni mit Neo gerne für eine Woche nach Florida geflogen. Einmal einen neuen Teil der USA sehen, den Sonnenstaat besuchen und ein bisschen Urlaub machen. Eigentlich wäre ich von dort aus dann weiter nach Zürich geflogen und hätte meinen lang ersehnten Heimaturlaub gehabt. Eigentlich wäre ich dann anfangs Juli im Jungschilager mit dabei gewesen. Eigentlich hätte ich Freunde und Familie besucht, wäre vielleicht sogar zu meinen Verwandten nach Bayern gefahren und hätte mich mit einer Dubai-Freundin in Norddeutschland getroffen. Eigentlich hätte ich mit meiner Mutter gerne eine Städtereise innerhalb Europas gemacht. Eigentlich hätten mich meine Eltern im September zum runden Geburtstag meiner Mutter hier besucht.
Eigentlich...
Und nun sitze ich hier fest. Alle, die keine US-Staatsbürgerschaft oder mindestens eine Green Card haben, dürfen nicht mehr in die USA einreisen. Ich könnte also in die Schweiz fliegen, aber danach bis Ende 2020 nicht mehr hierher zurück - und das geht natürlich nicht.
Wenn ich die Situation objektiv betrachte, geht es mir aber EIGENTLICH sehr gut. Viele Menschen haben in den letzten Wochen ihren Job und ihre Existenz verloren oder stecken tatsächlich seit Monaten irgendwo fest und dürfen nicht mehr an ihren Wohnort reisen. Viele haben liebe Menschen verloren oder sorgen sich um ihre eigene Gesundheit, weil sie zur Risikogruppe gehören. Zum Glück trifft das alles auf mich nicht zu. Und dennoch gibt es Tage, an denen der Frust über die Situation gross ist.
Eine Freundin hat dazu letztens gesagt: Die jetzige Situation ist wie ein Trauerprozess. Wir alle müssen Abschied nehmen von Plänen und Ideen und uns damit abfinden, dass vieles nicht so sein wird, wie wir es uns ausgemalt hatten. Das ist nicht einfach und ruft viele verschiedenen Emotionen hervor: Verzweiflung, Trauer, Wut und Unsicherheit, manchmal aber auch Dankbarkeit und schlussendlich (hoffentlich) Akzeptanz.
Ich fand das eine ganz passende Beschreibung und finde mich daran selbst wieder. Seit Wochen und Monaten durchlebe ich diese Emotionen - ohne bestimmte Reihenfolge und machmal in unerwarteten Situationen. Das, was mir am meisten zu schaffen macht ist aber die Trauer darüber, in der Schweiz so vieles zu verpassen: Ich konnte nicht im Jungscharlager dabeisein, werde den Geburtstag meines Gottemeitli nur aus der Ferne feiern und meine Mutter an ihrem 60. Geburstag nicht sehen können. Das tut weh, dieses "Dinge-verpassen". Es schafft eine Distanz, die mich schwermütig stimmt.
Manchmal mache ich mir Sorgen, den Anschluss in meiner Heimat zu verlieren. Ich möchte gerne noch Teil sein vom Leben dort, möchte teilhaben am Leben meiner Freunde und Familie. Je seltener ich da bin, desto schwieriger ist das aber. Denn schliesslich geht auch da das Leben weiter, ohne mich, ist ja logisch. Und das ist auch gut so, aber manchmal nicht ganz einfach zu akzeptieren.
Gott sei Dank bin ich aber nicht immer traurig. Meistens bin ich dankbar und kann die Situation so akzeptieren, wie sie ist. Ich nehme mir Zeit für Dinge, die ich sonst nicht getan hätte oder tue einfach mal nichts.
Und nächste Woche fahren wir dann auch für ein paar Tage weg. Darauf freue ich mich besonders, nachdem ich so lange meistens nur zu Hause war. Und ich werde darüber bestimmt auch wieder berichten. Bis dahin wünsche ich euch alles Gute und bleibt gesund!

Ja, eigentlich...
AntwortenLöschenZitat von Martin Schleske (Geigenbauer und Physiker) aus "Der Klang", vor Jahren gelesen, fasst in Kürze zusammen, was wir wohl unser ganzes Leben lang buchstabieren dürfen:
"zu wissen, dass mein Leben anders sein darf, als ich es mir wünsche, und
zu wissen, dass auch Gott anders sein darf, als mein Glaube es IHM erlauben will -
das ist die Verneigung meiner Seele vor Gott."