Dienstag, 2. Juni 2020 - Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten

Die letzten Wochen sind einfach so an mir vorbeigeflogen. Aufstehen, arbeiten, essen, arbeiten, spazieren, essen, fernsehen... Während in der Schweiz langsam wieder die Normalität Einzug hält, habe ich den Eindruck, dass hier die Zeit stehengeblieben ist. Erst gestern gab es ein paar erste Lockerungen, jetzt dürfen Glaubensgemeinschaften sich wieder treffen und es haben auch vermehrt wieder Läden geöffnet oder zumindest dürfen sie jetzt einen Abholdienst anbieten. Das hat aber keinen signifikaten Einfluss auf mein oder unser Leben und so sitzen wir weiterhin zu Hause an unserem Esstisch, den wir seit 3 Monaten als Büro benutzen.

Ja, der Weg zurück in den Alltag zieht sich ungewiss in die Länge. Pläne für die Sommerferien habe ich keine gemacht, respektive meine Heimat-Pläne vorerst gestrichen. Und an meiner Schule werden weiterhin die Szenarien für nach den Ferien diskutiert: Dürfen wir unter strengen Auflagen zurück? Oder müssen wir weiterhin, teilweise oder ganz, Distance Learning anbieten? Wie wird die Schule das finanziell verkraften, dass sich für das neue Schuljahr etwa 20 Prozent weniger Schüler angemeldet haben?

Zu all diesen kleinen und grossen persönlichen Enttäuschungen und Unsicherheiten kommen in den letzten Tagen nun auch die landesweiten Unruhen dazu. Und ich bin einfach nur sehr traurig, enttäuscht und besorgt.

Am 25. Mai 2020 starb der Afroamerikaner George Floyd, nachdem ein weisser Polizist minutenlang auf seinem Hals gekniet hatte. Obwohl Floyd da bereits in Handschellen war. Obwohl er sich nicht mehr bewegen konnte. Obwohl er sagte "I can't breathe."

Seither geht es in den USA drunter und drüber. Es gab viele Demonstrationen, von denen leider auch viele in Gewalt ausgeartet sind. Während sich so viele für mehr Gerechtigkeit und Chancengleicheit einsetzen, nutzen einige wie immer die Plattform, um Radau zu machen. Und während es anfangs so aussah, als ob mich das alles nicht persönlich betreffen würde, kommt diese Realität doch immer näher.

Schon seit einigen Nächten gibt es in San Francisco eine Ausgangssperre und man darf nachts das Haus nicht mehr verlassen. In Oakland und San Jose kam es zu schweren Ausschreiungen und bei uns um die Ecke wurde am Sonntagabend das Einkaufszentrum geplündert. Einer der Plünderer konnte flüchten und hat sich stundenland in unserem Quartier versteckt, bis die Polizei ihn dann endlich mit Hilfe von Suchhunden festnehmen konnte. Für heute und morgen Nacht ist nun auch bei uns ganz offiziell eine curfew (Ausgangssperre) erhängt worden und wir dürfen zwischen 20:30 und 5:00 Uhr nicht aus dem Haus. Geschäfte bei uns nebenan verbarrikadieren die Fenster mit Holzbrettern, um so Plünderungen und Sachschaden zu verhindern.


Und das alles im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.



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