Ein Schüler fragte einmal seinen Lehrer: "Herr Lehrer, ist ein Ei eigentlich tot oder lebendig?" Der Lehrer antwortete: "Nun ja... eigentlich ist es tot. Aber wenn du es lange genug unter einer Henne liegen lässt, dann wird es von der Wärme lebendig. Ein Küken schlüpft daraus." Der Schüler sah seinen Lehrer an und überlegte einen Moment. Dann schaute er auf den Stein in seiner Hand und sagte: "Und wenn ich diesen Stein unter eine Henne lege? Wird er dann auch lebendig?"
Diese Geschichte erzählte mir diese Woche ein Taxifahrer. Ich hatte keine Mitfahrgelegenheit gehabt und mir deshalb nach der Arbeit ein Taxi zur Schule bestellt.
Ob all diese Gebäude eine einzige Schule seien, fragte mich der Taxifahrer. Ich bejahte und erzählte von all den Angeboten der Schule. Er war beeindruckt. Dann müsse ich ja ganz schön zufrieden sein mit meinem Job, meinte er. Ich bejahte wieder und ergänzte, es sei aber schon eine spezielle Erfahrung, hier zu arbeiten. Er habe auch als Lehrer gearbeitet, erzählte er weiter, in seinem kleinen Dorf in Pakistan.
Dazu muss ergänzt werden, dass viele der pakistanischen Taxifahrer aus der gleichen Region in Pakistan kommen, einem landschaftlich wunderschönen Tal mit einem glasklaren Bach und grünen Wiesen, mit warmen Temperaturen im Sommer und verschneiten Bergen im Winter. Das Tal wird darum "die pakistanische Schweiz" genannt. Auch mein heutiger Taxifahrer kam von diesem Ort.
Im Verlaufe des Gesprächs erzählte er mir, dass es für ihn im Moment schwierig sei, in Dubai zu sein. Er sei vor zwei Wochen zu Besuch bei seiner Familie in Pakistan gewesen (was bedeutet, dass er wohl schon lange in Dubai arbeitet, da die Taxifahrer vertraglich davon abgehalten werden, nach Hause zu reisen, bevor eine bestimmte Zeitspanne um ist). Nun überlege er sich, ob er nicht ein kleines Business in seiner Heimat anfangen könnte, denn seine Kinder hätten ihn gebeten, doch wieder zurück nach Pakistan zu kommen.
Und da war sie, die Gemeinsamkeit. Ganz unerwartet.
Wir hätten unterschiedlicher nicht sein können, aber etwas verband uns: Heimweh.
Ich erzählte dem Taxifahrer, dass ich ihn sehr gut verstehen könne. Dass ich vor einer Woche ebenfalls in der Heimat gewesen sei und es mir jetzt schwer falle, mich hier wieder zurechtzufinden. Dass ich meine Freunde und meine Familie vermisse. Und die Schweiz. Als er merkte, dass ich aus der Schweiz komme, musste er lachen: "Was, du kommst aus der Schweiz hier in diese Wüste? Wieso denn das?"
Ich wollte eigentlich erwidern: "Danke gleichfalls!"
Aber da waren sie wieder, die Unterschiede. Ich wusste, dass er nach Dubai gekommen ist, weil er hier viel mehr verdient, als wenn er als Lehrer in seinem Dorf arbeiten würde. Viermal so viel, sagte er. Ich hingegen war aus Luxusgründen hier: Neue Erfahrungen sammeln, etwas Spannendes erleben, aus der Komfortzone ausbrechen, mich selber finden. First world problems, sozusagen.
Ich weiss, dass es für mich einfach ist, in der Schweiz einen Job und eine Wohnung zu finden, ohne dass ich finanziell oder vom Lebensstandard her im Vergleich zu Dubai wirkliche Abstriche machen muss. Für die meisten Expats in Dubai ist das aber anders. Sie sind hierher gekommen, weil sie hier besser verdienen oder weil sie in ihrer Heimat einfach nicht sicher sind. Und das gilt nicht nur für die billigen Arbeitskräfte aus Pakistan, Indien und den Philippinen - so geht es auch meinen Arbeitskollegen aus Südafrika, Frankreich, Deutschland oder England.
Der pakistanische Taxifahrer fragte mich dann noch, ob es stimme, dass es in der Schweiz keine Armee gäbe. In seiner Heimat habe es Checkpoints alle zwei Kilometer und die Armee sei ständig präsent. Als ich fragte, ob das etwas mit den Terroristen zu tun habe, bejahte er: "Aber weisst du, für uns ist das schwierig. Wir normalen Leute wissen nicht, wo diese Terroristen sich aufhalten, wer ihnen Waffen und Lebensmittel gibt. Und dennoch haben sie so viel Geld und Macht. Und wir können nichts tun. Wir wollen doch einfach nur unser normales Leben leben."
Angesichts dieses Gesprächsverlaufs verzichtete ich darauf, ihm zu erklären, wie unsere Armee funktioniert. Irgendwie kam ich mir lächerlich vor. Ich meinte nur, dass wir unsere Armee tatsächlich nicht "for safety reasons" brauchen. Das fand er eine wundervolle Vorstellung.
Jetzt, eine gute Woche nach meiner Rückkehr nach Dubai, kann ich sagen: Mein Heimweh ist vorbei.
Aber die ersten Tage waren tatsächlich schwierig. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal Heimweh gehabt hatte. Und ich hatte von mir selbst gedacht, dass mir das nicht passieren würde. Umso schwieriger war es deshalb, mit diesem Gefühl umzugehen.
Ich habe während meinen Ferien in der Schweiz so viele schöne Begegnungen gehabt. Und irgendwie habe ich erst jetzt im Nachhinein realisiert, was ich eigentlich zurückgelassen habe, als ich letzten Sommer hierher zog.
Aber wie gesagt: Nach einer Woche Alltag und vielen guten Gesprächen mit lieben Freunden in der Heimat und Leuten hier fühle ich mich wieder wohl. Ich konzentriere mich nun wieder auf all die Vorzüge und Annehmlichkeiten des Lebens in Dubai. ;-)
Es ist fast alles wieder wie vorher. Ausser diesem Gefühl tief in mir drin, dass mir nun sagt, wo ich eigentlich hin gehöre.
Diese Geschichte erzählte mir diese Woche ein Taxifahrer. Ich hatte keine Mitfahrgelegenheit gehabt und mir deshalb nach der Arbeit ein Taxi zur Schule bestellt.
Ob all diese Gebäude eine einzige Schule seien, fragte mich der Taxifahrer. Ich bejahte und erzählte von all den Angeboten der Schule. Er war beeindruckt. Dann müsse ich ja ganz schön zufrieden sein mit meinem Job, meinte er. Ich bejahte wieder und ergänzte, es sei aber schon eine spezielle Erfahrung, hier zu arbeiten. Er habe auch als Lehrer gearbeitet, erzählte er weiter, in seinem kleinen Dorf in Pakistan.
Dazu muss ergänzt werden, dass viele der pakistanischen Taxifahrer aus der gleichen Region in Pakistan kommen, einem landschaftlich wunderschönen Tal mit einem glasklaren Bach und grünen Wiesen, mit warmen Temperaturen im Sommer und verschneiten Bergen im Winter. Das Tal wird darum "die pakistanische Schweiz" genannt. Auch mein heutiger Taxifahrer kam von diesem Ort.
Im Verlaufe des Gesprächs erzählte er mir, dass es für ihn im Moment schwierig sei, in Dubai zu sein. Er sei vor zwei Wochen zu Besuch bei seiner Familie in Pakistan gewesen (was bedeutet, dass er wohl schon lange in Dubai arbeitet, da die Taxifahrer vertraglich davon abgehalten werden, nach Hause zu reisen, bevor eine bestimmte Zeitspanne um ist). Nun überlege er sich, ob er nicht ein kleines Business in seiner Heimat anfangen könnte, denn seine Kinder hätten ihn gebeten, doch wieder zurück nach Pakistan zu kommen.
Und da war sie, die Gemeinsamkeit. Ganz unerwartet.
Wir hätten unterschiedlicher nicht sein können, aber etwas verband uns: Heimweh.
Ich erzählte dem Taxifahrer, dass ich ihn sehr gut verstehen könne. Dass ich vor einer Woche ebenfalls in der Heimat gewesen sei und es mir jetzt schwer falle, mich hier wieder zurechtzufinden. Dass ich meine Freunde und meine Familie vermisse. Und die Schweiz. Als er merkte, dass ich aus der Schweiz komme, musste er lachen: "Was, du kommst aus der Schweiz hier in diese Wüste? Wieso denn das?"
Ich wollte eigentlich erwidern: "Danke gleichfalls!"
Aber da waren sie wieder, die Unterschiede. Ich wusste, dass er nach Dubai gekommen ist, weil er hier viel mehr verdient, als wenn er als Lehrer in seinem Dorf arbeiten würde. Viermal so viel, sagte er. Ich hingegen war aus Luxusgründen hier: Neue Erfahrungen sammeln, etwas Spannendes erleben, aus der Komfortzone ausbrechen, mich selber finden. First world problems, sozusagen.
Ich weiss, dass es für mich einfach ist, in der Schweiz einen Job und eine Wohnung zu finden, ohne dass ich finanziell oder vom Lebensstandard her im Vergleich zu Dubai wirkliche Abstriche machen muss. Für die meisten Expats in Dubai ist das aber anders. Sie sind hierher gekommen, weil sie hier besser verdienen oder weil sie in ihrer Heimat einfach nicht sicher sind. Und das gilt nicht nur für die billigen Arbeitskräfte aus Pakistan, Indien und den Philippinen - so geht es auch meinen Arbeitskollegen aus Südafrika, Frankreich, Deutschland oder England.
Der pakistanische Taxifahrer fragte mich dann noch, ob es stimme, dass es in der Schweiz keine Armee gäbe. In seiner Heimat habe es Checkpoints alle zwei Kilometer und die Armee sei ständig präsent. Als ich fragte, ob das etwas mit den Terroristen zu tun habe, bejahte er: "Aber weisst du, für uns ist das schwierig. Wir normalen Leute wissen nicht, wo diese Terroristen sich aufhalten, wer ihnen Waffen und Lebensmittel gibt. Und dennoch haben sie so viel Geld und Macht. Und wir können nichts tun. Wir wollen doch einfach nur unser normales Leben leben."
Angesichts dieses Gesprächsverlaufs verzichtete ich darauf, ihm zu erklären, wie unsere Armee funktioniert. Irgendwie kam ich mir lächerlich vor. Ich meinte nur, dass wir unsere Armee tatsächlich nicht "for safety reasons" brauchen. Das fand er eine wundervolle Vorstellung.
Jetzt, eine gute Woche nach meiner Rückkehr nach Dubai, kann ich sagen: Mein Heimweh ist vorbei.
Aber die ersten Tage waren tatsächlich schwierig. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal Heimweh gehabt hatte. Und ich hatte von mir selbst gedacht, dass mir das nicht passieren würde. Umso schwieriger war es deshalb, mit diesem Gefühl umzugehen.
Ich habe während meinen Ferien in der Schweiz so viele schöne Begegnungen gehabt. Und irgendwie habe ich erst jetzt im Nachhinein realisiert, was ich eigentlich zurückgelassen habe, als ich letzten Sommer hierher zog.
Aber wie gesagt: Nach einer Woche Alltag und vielen guten Gesprächen mit lieben Freunden in der Heimat und Leuten hier fühle ich mich wieder wohl. Ich konzentriere mich nun wieder auf all die Vorzüge und Annehmlichkeiten des Lebens in Dubai. ;-)
Es ist fast alles wieder wie vorher. Ausser diesem Gefühl tief in mir drin, dass mir nun sagt, wo ich eigentlich hin gehöre.
Du bist eine super tolle Schreiberin! Findest den Ton und die Ehrlichkeit, ohne Dich ganz auszuziehen! Eine Begabung! Eine weitere Begabung!!!
AntwortenLöschenDanke Vroni! Ich freue mich sehr über diese Rückmeldung, ist es doch manchmal ein schmaler Grat zwischen Ehrlichkeit und zu viel preisgeben...
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