Samstag, 18. November 2017 - Hochzeit

Meine Teaching Assistant, welche Deutsche ist, hat gestern geheiratet und ich war eingeladen.
Ihr Mann ist Syrer, weshalb es eine arabische Hochzeit war. Die standesamtliche Hochzeit liegt bereits einige Monate zurück, gestern Abend gab es dann noch das offizielle Fest dazu.

Im Vorfeld der Hochzeit habe ich mir ziemlich viele Gedanken über mein Kleid, Frisur, Nägel und Make-up gemacht. Ich war regelrecht gestresst deswegen! Dies, da ich weiss, wie viel Wert arabische Frauen auf ihr Äusseres legen. Ich wollte auf keinen Fall "under dressed" sein, weshalb ich mir für meine Verhältnisse ziemlich viel Zeit für die Vorbereitungen genommen habe. Ich habe mich im Vorfeld auch bereits sehr gefreut und war gespannt darauf, wie eine arabische Hochzeit so abläuft.

Eine Arbeitskollegin und ich trafen dann gestern Punkt 19.00 Uhr in dem Hotel ein, in welchem das Fest stattfand. Wie überrascht waren wir, als wir da noch niemanden antrafen ausser dem Brautpaar - obwohl das Fest offiziell um 19.00 Uhr starten sollte. Wir kamen in den Ball Room, welcher - typisch arabisch - ziemlich kitschig dekoriert war. Und standen zunächst einmal eine Stunde herum und tranken Orangensaft.

Da es eine muslimisch geprägte Hochzeit war, wurde offiziell kein Alkohol ausgeschenkt. Wir haben später dann aber rausgefunden, dass man sich an der Bar im Nebenraum etwas hätte ausschenken lassen können, man den Alkohol aber nicht mit in den Saal nehmen durfte.

Ausserdem waren in unserem Ball Room nur Frauen: Bei arabischen Hochzeiten feiern Männer und Frauen nämlich grösstenteils getrennt. Dies, damit die Frauen sich nicht permanent bedecken, sondern auch ohne Abaya und Kopftuch ganz ausgelassen feiern können.

So warteten wir also und nacheinander trudelten die Frauen ein. Zuerst die restlichen Leute der Schweizer Schule, danach dann auch die arabischen Verwandten und Freunde der Familie. Die arabischen Frauen waren in Abayas mit viel Blingbling gehüllt und versteckten ihre Gesichter unter einer mindestens 1cm dicken Make-up-Schicht.

Als um 20.00 Uhr die arabischen Appetizer serviert wurden, war noch immer die Hälfte der Plätze frei. Erst ab etwa 20.30 Uhr füllten sich dann mehr oder weniger alle Stühle.

Der DJ war eine Frau, als eigentlich eine DJane, mit Kopftuch. Sie spielte abwechslungsweise westliche und arabische Musik und wir tanzten auf der Tanzfläche. Hinter der Tanzfläche auf einer Bühne stand ein Sofa, auf welchem später das Brautpaar sitzen sollte.

Bis um etwa 21.30 Uhr waren wir Frauen unter uns. Dann wurde von der Übersetzerin auf arabisch und deutsch angekündigt, dass in etwa 5 Minuten die Männer in den Saal kommen würden. Für die muslimischen Frauen bedeutete das, dass sie ihre wunderschönen Kleider und die unglaublich aufwändigen Hochsteckfrisuren wieder unter Abaya und Kopftuch verstecken mussten. Die meisten von ihnen hatten sich aber sowieso noch nicht die Mühe gemacht, sich zu entblössen.

Die Männer betraten nun also den Raum. Irgendwie machte mich das nervös, was ja eigentlich total dämlich ist; schliesslich sind bei uns gemischte Feiern normal. Dennoch fragte mich meine Nachbarin, ob wir uns wohl aus Respekt auch bedecken sollten. Sie hatte wohl ähnliche Gefühle wie ich. Ich vermute, dass das an der Stimmung im Raum lag und daran, das der Grossteil der eingeladenen Männer arabischer Abstammung waren. Jemand bei uns am Tisch meinte dann aber, dass es nicht nötig sei, sich zu bedecken.

Dann betrat eine Gruppe traditionell gekleideter Männer mit Trommeln und Pfeifen singend und tanzend den Raum. Mit ihnen kam auch das Brautpaar herein. Sie bewegten sich auf die Tanzfläche zu und nun folgte eine lange Tanzsession. Die Frauen schauten dabei zu, wie zunächst das Brautpaar und danach die Männer tanzten. Ausser den deutschen Brautjungfern (welchen, so vermute ich, nicht bewusst war, dass das eigentlich unüblich ist) und der Braut selbst tanzte keine Frau. Ich glaube, dass dies auch nicht angebracht gewesen wäre. Die Männer formten einen Kreis und hielten sich an den Händen. Der erste in der Reihe führte den Tanz jeweils an und hüpfte wie verrückt, während die anderen eher verhalten im Kreis mitgingen. Es sah einfach super aus und ich hätte sehr gerne mitgetanzt. Aber für uns Frauen blieb es für den Moment leider beim Zuschauen.

Anschliessend setzte sich das Brautpaar für Fotos auf das eben erwähnte weisse Sofa. Ausserdem hielten noch zwei Leute eine Rede: Die Tante der Braut und der beste Freund des Bräutigams. Die Tante sprach über Toleranz und Verständnis der Kultur des jeweils anderen gegenüber, was ich sehr passend fand. Schliesslich gibt es doch einige gravierende Unterschiede zwischen der arabischen und der deutschen Kultur. ;-)




Nach einer Weile verliessen die Männer den Raum wieder und kurz nach 10.00 Uhr wurde das Essen serviert. Zu diesem Zeitpunkt war ich aber bereits nicht mehr sehr hungrig, da ich schon bei den Appetizern sehr viel gegessen hatte. Den anderen ging es ähnlich.

Nach dem Essen kam dann noch einmal der Bräutigam mit seinen besten Freunden herein. Dies wurde wiederum 5 Minuten im Voraus angekündigt, damit die Frauen sich darauf vorbereiten konnten. Braut und Bräutigam tanzten nun ihren ersten Tanz.

Erst als ich sah, dass einige der Frauen ihre Kopftücher wieder abnahmen, bemerkte ich dann, dass alle Männer den Saal bereits wieder verlassen hatten. Nun war die Stunde der arabischen Frauen gekommen: Alle zogen ihre Abayas aus und tanzten mit der Braut ausgelassen auf der Tanzfläche. Wie zuvor, als die Männer tanzten, wollten auch jetzt einige Gäste Fotos und Filme machen. Ich hatte schon vermutet, dass das nicht angebracht war und tatsächlich kam die Übersetzerin zu uns an den Tisch und bat uns höflich, das Filmen zu unterlassen. Muslimische Frauen sind sehr darauf bedacht, dass keine Fotos von ihnen ohne Kopftuch in Umlauf geraten. So begaben wir uns stattdessen zu den arabischen Frauen auf die Tanzfläche und tanzten gemeinsam. Ich hatte den Eindruck, dass die Araberinnen sich sehr darüber freuten.

Leider ging das Fest jetzt bereits seinem Ende zu. Viele der Gäste verliessen nach und nach den Raum und ich war um 00.30 Uhr eine der letzten, die sich verabschiedeten.

Ich habe dieses Hochzeitsfest wirklich sehr genossen. Es war eine schöne und spannende Erfahrung, auch wenn einiges für westliche Verhältnisse doch eher ungewohnt war.
Einigen der anderen war es, so glaube ich zumindest, ab und zu ein wenig unangenehm. Das kann ich absolut verstehen. Man muss sich teilweise überraschen lassen und sich unerwarteten Situationen anpassen können. Da ich diese Erfahrung bereits aus Marokko kenne, wo ich einmal an einer arabischen Beerdigung war, machte mir das aber keine grosse Mühe. Im Gegenteil: Ich habe den Eindruck, einmal mehr sehr viel gelernt zu haben.

Kommentare

  1. Einfach super, wie Du das beschreibst!

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    1. Danke! Ich habe übrigens bis jetzt nicht vor, ebenfalls einen Syrer zu ehelichen. ;-)

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