Freitag, 10. November 2017 - Al Satwa

Die Temperaturen werden kühler und somit verändert sich auch das Leben hier: Man kann sich tagsüber länger als 5 Minuten draussen aufhalten, ohne sich wie in der Sauna zu fühlen. Man kann abends Jeans anziehen, ohne dass man das Gefühl hat, eine zweite Haut zu tragen. Man kann in der Sonne aufs Taxi warten, ohne in Angst vor einem Sonnenstich den Kopf bedecken zu müssen.

Und man kann ausserhalb einer Mall shoppen gehen.

Das habe ich letztes Wochenende gemeinsam mit einer Arbeitskollegin gemacht. Ich wollte mir unbedingt eine neue Abaya kaufen und sie meinte, dass sie ein paar gute Orte kennt. So fuhren wir gemeinsam in ein Viertel von Dubai, welches Al Satwa heisst.

Im Vorfeld hatte ich über Al Satwa ein paar negative Bemerkungen von anderen Freundinnen gehört. Das sei das Viertel der Inder und Pakistani und alles sei dreckig und heruntergekommen und auf keinen Fall einen Besuch wert. Davon liess ich mich jedoch nicht abschrecken.

So traf ich mich letzten Freitag mit meiner Arbeitskollegin an der nächstgelegenen Metrostation und von dort aus nahmen wir ein Taxi. Obwohl nur wenige Minuten von der Sheikh Zayed Road entfernt, welche als Hauptverkehrsader von Dubai beschrieben werden kann, kam ich mir vor, als wären wir in einer anderen Welt.

Auch wenn es das Viertel der Inder und Pakistani ist, ist Al Satwa weit mehr arabisch als alles andere, was ich bis jetzt in Dubai gesehen habe. Die Atmosphäre erinnerte mich irgendwie an Marokko und ich fühlte mich sofort wohl. Hier ein paar Eindrücke von meinem Besuch:

In Al Satwa gibt es viele kleine Läden, in denen man Billigware von schlechter Qualität kaufen kann: Uhren, Teppiche, Autozubehör, Handyzubehör, arabische Süssigkeiten, arabisches Geschirr, arabische Kleidung.

In Al Satwa sind die Häuser teilweise ungepflegt, auf den Balkonen hängt Wäsche. Hier wohnen die einfachen Leute - zu viert in einer Einzimmer-Wohnung.

In Al Satwa gibt es enge dreckige Gassen, wo sich kleine Kioske verstecken, in denen die Taxifahrer sich ihr Essen kaufen.

In Al Satwa sieht man Asiaten, Inder und Pakistani in ihrer traditionellen Kleidung, aber keine westlichen Leute. Deshalb schauen einem die Männer ungläubig nach, wenn man alleine als westliche Frau unterwegs ist.

In Al Satwa herrscht ein reges Treiben, die Strassen sind teilweise eng, der Verkehr laut, regelmässiges hupen, die Leute halten sich auf den Gehsteigen auf. Junge Männer kaufen sich Autozubehör in eben genanntem Shop und montieren es gleich vor Ort an ihrem blitzblanken Wagen. Andere beobachten, lässig an ihr Auto gelehnt, das Treiben auf der Strasse. Gruppen von Männern sitzen auf Rasenstreifen und unterhalten sich im Schatten der Bäume.

In Al Satwa sind die Taxifahrer netter, als anderswo. Sie freuen sich, dass man "ihr" Viertel besucht und sind stolz, dass sie sich so gut auskennen. Die Leute sind zuvorkommend auf eine ganz natürliche Art und Weise.

In Al Satwa sind freitags viele Geschäfte geschlossen, da dies der "Sonntag" der Muslime ist. Es gibt einige Moscheen und man hört bei der Gebetszeit einen Muezzin, welcher live zum Gebet ruft.

Al Satwa ist echt.

Während ich so durch die Strassen schlenderte, habe ich plötzlich realisiert, wie sehr mir Echtheit in den letzten 3 Monaten gefehlt hat. Versteht mich nicht falsch, ich finde das Dubai, so wie man es kennt, super. All die perfekten Malls mit den perfekten Läden und den perfekten Verkäufern. All dieser westliche Perfektionismus, der mit ein wenig Deko und arabischen Gerüchen als Morgenland verkauft wird. Die sauberen und organisierten Malls, in denen Qualität an erster Stelle steht.

Aber ist das das echte Leben? Ist das Leben immer organisiert, perfekt, schön und vorhersehbar? Sind wir Menschen perfekt?

Nein. Und dennoch habe ich das Gefühl, dass eben die Leute, welche so abschätzig über Orte wie Al Satwa sprechen, nach diesem Perfektionismus streben. Sie sind dauergestresst, damit sie ihrem Ideal auch nur annähernd gerecht werden. "Normal" oder "Durchschnitt" ist nicht gut genug. Sie verwechseln den hier vorherrschenden, unechten Perfektionismus mit der Realität.

Eine Zeit lang liess ich mich von diesen Menschen ebenfalls stressen. Ich hatte das Gefühl, dem hiesigen Standart nicht gerecht zu werden. Ich habe mich von der Wahrnehmung meiner neuen Kolleginnen beeinflussen lassen und mich selbst hinterfragt. Das geschieht so schnell, wenn man sich permanent in dieser surreal perfekten Welt bewegt. Man lässt sich blenden von der Schönheit der unechten Dinge - und Menschen.

Gott sei Dank habe ich nun einen weniger perfekten und dafür echteren Ort gefunden. Heute war ich übrigens wieder da, um meine Abaya abzuholen, welche der Schneider für mich angepasst hat.

Und ich freue mich bereits auf meinen nächsten Besuch in der Realität. :-)


Abaya-Shopping in Al Satwa ;-)

Zwischen zwei Welten: Links eine Moschee in Al Satwa, im Hintergrund Downtown mit den Wolkenkratzern.

Genève: Wohin man auch geht, man findet überall ein bisschen Schweiz.

Fern der kleinen Gassen...


Kommentare

  1. Spannend! Bin froh, dass Du solche tiefgreifende Erlebnisse bewusst aufnehmen kannst! Spricht wie immer für Dich... :)

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    1. Danke Vroni, dass du meinen Blog so aktiv verfolgst! :)

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