Samstag, 28. Oktober 2017 - Freizeitgestaltung II

Vor zwei Wochen war ich zum ersten Mal in einem Gottesdienst hier in den Vereinigten Arabischen Emiraten! Ich habe hin und her überlegt, ob ich hier tatsächlich zur Kirche gehen möchte, da ich ja eigentlich hier bin, um Neues kennenzulernen und nicht, um das Gleiche zu erleben wie zu Hause.

Doch ich habe schnell gemerkt, dass auch die Kirche - wie so vieles hier - sich stark von meinen Erfahrungen in der Heimat unterscheidet. Der Gottesdienst an sich ist zwar ziemlich ähnlich wie in der Schweiz, da die Gemeinde eine Evangelisch-Lutherische Gemeinde mit Wurzeln in Bayern ist. Die Gottesdienstbesucher sind vor allem Deutsche, aber auch Schweizer und Österreicher. Aber die Gegebenheiten sind doch sehr anders als in der Schweiz...

Den ersten Gottesdienst durfte ich vor zwei Wochen miterleben. Es wurde Erntedank gefeiert - im 42. Stock eines Hotels. Mit Blick auf den Burj AlArab.

Ganz klein im Hintergrund: Der Burj AlArab.

Da die deutsche Gemeinde keine eigenen Räumlichkeiten hat, finden die Anlässe an verschiedenen Orten statt, die gemietet werden. Das kann in einem Hotel sein, heute waren wir für den Luther-Gottesdienst jedoch in einer richtigen Kirche.

In Dubai gibt es verschiedene Orte, an denen jeweils gleich mehrere Kirchen nebeneinander stehen. Die Kirche, in der ich heute war, steht sogar in einem "Church Compound". Das ist ein ganzes Viertel mit vielen christlichen Kirchen und einem Sikhtempel. Das Viertel ist ein wenig ausserhalb und - wie alles hier in Dubai - ziemlich gross. Es hat unglaublich viele Parkplätze und nach dem Gottesdienst gibt es Stau, weil aus den verschiedenen Gotteshäusern die Leute hinausströmen und in ihren Privatwagen wieder in die Stadt fahren wollen. :D Ausserdem sind auch die Kirchen an sich gigantisch und haben meistens viele Räume für Sonntagsschule und gemütliches Beisammensein.

Nach unserem Gottesdienst gab es eine kleine Führung und wir konnten die anderen Kirchen besuchen. Unser Pfarrer hat uns zu jeder Kirche ein paar Infos gegeben. Das fand ich sehr spannend und ich möchte gerne einige Fotos und Fakten mit euch teilen.

1. Christ Church: Das ist eine anglikanische Kirche, hier hatten wir unseren Gottesdienst. Sie ist sehr schlicht gehalten und ähnelt darin einer evangelischen Kirche. Liturgisch gesehen gleicht ein anglikanischer Gottesdienst aber eher einem katholischen, mit vielen Ritualen und festen Abläufen. Die Gottesdienste sind hier auf englisch.

am Eingang der Christ Church

der Altar in der Christ Church


2. Dubai Evangelical Church Centre: Diese Gemeinde mutet sehr amerikanisch an. Die Innenausstattung ist schlicht und neben der Kanzel steht ein Schlagzeug. Das weist schon darauf hin, dass die Gottesdienste von ihrer Form her sehr modern sind. But don't be fooled: Was hier gepredigt wird kann mitunter weit traditioneller und strenger sein, als was man beispielsweise in der anglikanischen Kirche hört!

"Built on land generoulsy given by the ruler of Dubai":
Nach hiesiger Auffassung soll jeder Mensch einen Glauben haben und diesen ausüben dürfen. Deshalb wird das Land, auf dem Gotteshäuser gebaut werden, als Geschenk vom Sheikh zur Verfügung gestellt.


3. The Mar Thoma Parish: Eine christliche Kirche aus Indien. Man sagt, der Jünger Thomas sei schon früh nach Jesu Tod nach Indien ausgewandert und habe dort die Thomaskirche gegründet. Obwohl das eine Legende ist, muss etwas dran sein. Denn als die ersten Missionare nach Indien kamen, hatte es dort bereits Christen. Für mich eine völlig neue Information!

Diese Kirche ist bei Gottesdiensten vermutlich ziemlich gut gefüllt, da es in Dubai viele Inder gibt. Man muss übrigens die Schuhe ausziehen, wenn man den Raum betritt!


4. Apostolic Vicariate of Southern Arabia (The Catholic Church in UAE, Oman and Yemen): Hier konnte ich leider keine Fotos machen, da gerade ein Gottesdienst in vollem Gange war. Dieser wurde in arabischer Sprache gehalten und der sehr grosse Raum war prall gefüllt mit Leuten. Es war sehr laut und ein einziges Kommen und Gehen, weshalb auch unser plötzliches Auftauchen nicht gestört hat. Im Gegenteil: Auf einmal kam ein Mann auf uns zu und fragte unseren (evangelischen) Pfarrer, ob dieser ihm die Beichte abnehmen könne. So hat dieser zum ersten Mal in seinem Leben in der Funktion des Beichtabnehmers einen Beichtstuhl betreten und dem Mann - während der Gottesdienst in vollem Gange war - die Beichte abgenommen. ;-) Hier finden Gottesdienste in vielen verschiedenen Sprachen statt.

Im Vorhof der katholischen Kirche: Nach der Nahrung für die Seele kriegt man beim Food Truck Nahrung für den Körper. Die Sonntagsschule gleicht hier dem Kinderunterhaltungsprogramm in einem grossen Hotel: Die Leiter tragen Namensschilder und haben Scharen von Kindern im Schlepptau.


5. Greek Orthodox Church: Hier trafen wir einen Priester an. Spannend ist, dass es sich um eine orientalische orthodoxe Kirche handelt (ich kannte bis jetzt nur russisch-orthodox). Gottesdienste werden in griechisch und arabisch gehalten und auch alle Inschriften sind in diesen beiden Sprachen. Der Priester hat auf Wunsch unseres Pfarrers einen Segen für uns gesprochen. Er hat sich sehr über unseren Besuch gefreut und wollte uns noch auf einen Tee im daneben liegenden Gemeindehaus einladen.

Vielen Ikonen, Heilige und Inschriften in arabisch und griechisch. Kinder werden hier bei der Taufe ganz in den Taufstein eigetaucht und Musikinstrumente gibt es im Gottesdienst keine. Ein Gottesdienst dauert 2-3 Stunden!

Die Greek Orthodox Church von aussen

"Church Of Our Lady Of Annunciation"


6. St. Mina Coptic Orthodox Church: Kopten sind ägyptische Christen. Wie bei den griechisch-orthodoxen Christen haben auch bei ihnen die Heiligen eine besondere Stellung. Gottesdienste sind arabisch und koptisch - und manchmal auch englisch, da der Nachwuchs hier vor allem englisch aufwächst. Der Altar ist mit einem Vorhang verdeckt, der nur vom Priester zurückgeschoben werden darf. Zum Glück trafen wir diesen sogar an und er führte uns herum. Er schob auch den Vorhang zurück und wir sahen den unglaublich schönen Altar. Ein Souvenir und etwas zu trinken gab es ebenfalls - die arabische Gastfreundschaft ist einfach unglaublich!

Im Innenhof der Coptic Church - der Heilige Mina mit Kamelen.

Hinter dem Vorhang versteckt sich der unglaublich prunkvolle Altar...


7. Mor Ignatius Jacobite Syrian Orthodox Cathedral: Diese war leider abgeschlossen und wir konnten sie deshalb nicht betreten. Unser Pfarrer hat aber gesagt, dass man auch in dieser Kirche seine Schuhe ausziehen muss, da der Boden - wie in einer Moschee - vollständig mit Teppich ausgelegt ist. Bänke habe es keine.

Den Sikh-Tempel haben wir leider ebenfalls ausgelassen, da es sonst einfach zu lange gegangen wäre. Man hat aber von weitem die Frauen in ihren Saris und Männer mit Turbanen in leuchtenden Farben gesehen, was sehr eindrücklich war.

Eindrücklich fand ich auch die Vielfalt der verschiedenen Glaubensgemeinschaften. Alle haben als Grundlage die Bibel und doch sind sie so unterschiedlich. Je nach geographischer Herkunft, Kultur und Traditionen wird das Christentum ganz anders gelebt...


"Es sind nicht unsere Unterschiede, die uns voneinander trennen. Es ist unser Unvermögen diese Unterschiede zu erkennen, zu akzeptieren und zu feiern." 
Audre Lorde


Kommentare

  1. Sehr spannend! Danke für deinen Bericht! Ich war übrigens vor ein paar Wochen hier in Basel im koptischen Gottesdienst. Dort ist Said Emad engagiert. Das war sehr speziell und eine ganz andere Welt.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Mir ist beim Besuch der koptischen Kirche auch direkt Said Emad in den Sinn gekommen - bitte richte ihm und Said Haci liebe Grüsse von mir aus! :-)

      Löschen

Kommentar veröffentlichen