Freitag, 6. Oktober 2017 - Big changes ahead...

Am 24. September habe ich einen Blogeitrag mit dem Namen "no woman, no drive" veröffentlicht, in dem es um darum ging, dass es Frauen in Saudi Arabien nicht erlaubt ist, Auto zu fahren.

Nur kurz darauf habe ich in Snapchat ein kurzes Video von einer meiner Saudi Freundinnen gesehen, welche ihre Schwester beim Auto fahren filmte. Der Bruder sass daneben und gab Anweisungen. Im Auto herrschte eine positive Aufregung und es wurde viel gelacht.

Das ist an sich nicht ungewöhnlich; es gibt auf Youtube viele Filmchen von Saudi Frauen, die hinter dem Steuerrad sitzen und sich dabei filmen lassen. Als Protest gegen das Verbot und als Aufruf zur Veränderung. Auch einer meiner männlichen Saudi Freunde zählte mir, dass er eine seiner Schwestern schon einmal zur nächst gelegenen Tankstelle fahren liess. Dennoch war ich von dem Snap überrascht und dachte: Hoffentlich werden sie dabei nicht erwischt! Denn das könnte schwerwiegende Konsequenzen haben.

Erst zu Beginn dieser Woche habe ich dann die Hintergründe erfahren: Am 26. September 2017, zwei Tage nach dem Nationalfeiertag in Saudi Arabien, hat König Salman bin Abdulaziz Al Saud offiziell mitgeteilt, dass das Frauen-Fahrverbot in Saudi Arabien aufgehoben wird.

In vielen Leuten mag das Gedanken wie "das wurde aber auch Zeit" oder "das ist ja wohl nicht mehr als recht" auslösen. Aber meine erste Reaktion darauf war Erleichterung. Ich habe eine riesengrosse Freude empfunden. Ich habe mich gefreut mit und für die Frauen in Saudi Arabien. Vor allem habe ich dabei an meine Freundinnen gedacht, die ich 2015 in den USA kennengelernt habe. Wie oft habe ich mit ihnen über dieses Thema gesprochen. Dabei blieb mir besonders eine Aussage im Kopf: "Weisst du, es ist nicht so, dass ich unbedingt fahren möchte. Aber ich möchte wissen, dass ich die Möglichkeit hätte, wenn ich es wollen würde." Diese Möglichkeit ist nun also da.

Dies ist ein weiterer wichtiger Schritt für Saudi Frauen, die in vielen Belangen des täglichen Lebens keine eigenen Entscheidungen treffen dürfen und nur sehr eingeschränkte Rechte haben. Gott sei Dank gibt es aber auch viele Männer, die das stört und die etwas verändern möchten. Männer, die sich dafür einsetzen, dass Frauen mehr Freiheiten kriegen.

Meine Saudi Freundinnen kamen mit solchen Männern in die USA. Denn eine Frau aus Saudi Arabien kriegt keine Reiseerlaubnis für das Ausland, wenn sie nicht von einem männlichen Verwandten begleitet wird. Das nennt man male guardianship: Vater, Bruder oder Ehemann müssen mit dabei sein. Für manche Reisen reicht es aber auch, wenn man eine schriftliche Erlaubnis dabei hat. Eine Freundin erzählte mir einst, dass ihre Mutter eine Reise antreten wollte und bereits am Flughafen war. Sie wurde aber nicht an Bord des Flugzeugs gelassen, da sie keine schriftliche Bewilligung eines männlichen Verwandten dabei hatte. Da ihr Mann verstorben war, musste nun also ihr Sohn persönlich zum Flughafen kommen und bestätigen, dass sie verreisen durfte. "Ich habe diesen Menschen zur Welt gebracht, er ist mein Kind. Und dennoch brauche ich seine Erlaubnis, wenn ich verreisen möchte." Wie demütigend das sein muss.

Nun bin ich aber vom Thema abgekommen. ;-)

Offiziell werden Frauen in Saudi Arabien also ab Sommer 2018 fahren dürfen. Zunächst müssen nun Fahrschulen für Frauen eröffnet werden, bevor Führerscheine ausgestellt werden können.

So schön das Ganze im ersten Moment klingt, einfach wird es vermutlich dennoch nicht werden. Nach wie vor gibt es Leute, die behaupten, Frauen hätten im Vergleich zu Männern eingeschränkte kognitive Fähigkeiten und seien deswegen fahruntauglich. Oder es wird behauptet, dass das Fahren der Fruchtbarkeit schaden könnte. Ausserdem wird es wohl auch Männer geben, die mit einer Frau hinter dem Steuer nicht umgehen werden können. Männer, die eine komische Beziehung zum weiblichen Geschlecht haben und Frauen als Objekt ansehen. In einer Kultur, in welcher freundschaftliche Beziehungen zwischen Mann und Frau verboten sind und man - mit Ausnahme seiner eigenen Mutter und den Schwestern - nie eine unverhüllte Frau sieht, ist das nicht verwunderlich. Dieses unnatürliche Fernhalten voneinander kann zu für Frauen mitunter sehr unangenehmen oder sogar gefährlichen Situationen führen.

Ausserdem hat die Familie in Saudi Arabien viel Macht. So wird es wohl nach wie vor Frauen geben, die weiterhin auf einen Fahrer oder ihre Brüder angewiesen sein werden, wenn sie irgendwo hin wollen. Das, weil ihre Familie sehr traditionell ist und festhält an längst widerlegten und unzeitgemässen Ideen. Ideen, die unter dem Deckmantel der Religion verkauft werden, damit aber im Grunde nicht das Geringste zu tun haben. Und dennoch: Willigt die Familie nicht ein, kann man in Saudi Arabien - als Frau wie als Mann - kaum wichtige Entscheidungen treffen. Tut man es doch, verliert man im schlimmsten Fall seinen gesamten Familienclan. Man wird verstossen und geächtet. Und ohne seine Familie ist man niemand.

Was meine Freundinnen angeht, habe ich da aber weniger Bedenken. Sie waren entweder mit ihrem Ehemann oder mit ihrem Bruder für längere Zeit in den USA und konnten sich dort trotz der männlichen Begleitung relativ frei bewegen. Sie waren aufgeschlossen und haben aufgeschlossene Familien. Sie werden ab Sommer 2018 fahren dürfen.

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