Am vergangenen Mittwochabend verliess ich gemeinsam mit zwei Kolleginnen kurz nach 18.00 Uhr das Schulgebäude. Die Sonne stand bereits tief am Himmel und man hatte eine wunderschöne Sicht auf die Skyline von Dubai. Alles war in goldgelbes Licht getaucht.
Wir sassen also im GMC meiner Kollegin und fuhren in Richtung Autobahn. Von der Schule bis zur Autobahnauffahrt sind es knapp 5 Minuten durch grösstenteils noch unverbautes Gebiet. Auf dem Weg kamen wir an einem der grossen Busse vorbei, welche jeweils die Arbeiter von den Baustellen abholen. Der Bus stand am Strassenrand, alle Insassen standen daneben. Sie beteten. Kaum von der Baustelle losgefahren, war während der Fahrt plötzlich Zeit für das Maghrib-Gebet gewesen, welches jeweils kurz nach Sonnenuntergang gesprochen wird. Also hielt der Bus an, sodass die Arbeiter aussteigen und gemeinsam beten konnten. Nach 12 Stunden körperlicher Schwerstarbeit. Nach einem Tag, nach welchem man doch einfach nur noch so schnell wie möglich nach Hause will.
Das fand ich sehr eindrücklich und hat mich irgendwie berührt.
Religiöse Praktiken, insbesondere die Gebete, sind hier im Alltag sehr präsent. Es gibt in jeder Shopping Mall Gebetsräume, welche sich - für Männer und Frauen separat - in der Nähe der Toiletten befinden. Auch am Flughafen und in den öffentlichen staatlichen Gebäuden, beispielsweise dem Strassenverkehrsamt, gibt es Gebetsräume. Und natürlich in unserer Schule.
Man findet zudem sehr viele Moscheen hier (im Jahr 2012 waren es 1418 alleine in Dubai) und es werden immer noch mehr gebaut. Dabei gibt es kleine Moscheen für nur 100 Personen und andere, in denen über 1000 Menschen Platz finden. Man ist sehr bemüht darum, die eigene Religion zu fördern, was vermutlich daraus resultiert, dass man so viele Ausländer und deren Religionen und Kulturen in den Arabischen Emiraten Willkommen heisst. Das Fremde wird hier toleriert, das eigene zum Ausgleich verstärkt zelebriert. (Finde ich übrigens einen spannenden Ansatz, über den es sich nachzudenken lohnt. Dies nur am Rande).
Wie einige unter euch vermutlich wissen, beten Muslime fünfmal täglich. Dem Gebet geht eine rituelle Waschung voraus, die einen symbolisch reinigt. Frauen müssen sich, mit Ausnahme ihrer Hände und Füsse, komplett bedecken. Und auch Männer müssen mindestens knielange Kleidung tragen und ihren Oberkörper bedecken, damit das Gebet akzeptiert wird.
Das Gebet wird nach einem genau vorgegebenen Schema gesprochen. Der Bewegungsablauf und ein grosser Teil des Gebets sind vorgegeben. Man betet zunächst die erste Sura aus dem Qur'an. Diese wird ergänzt durch eine weitere, selbst gewählte Sura. Je nach Tageszeit giltt es dafür unterschiedliche Abläufe zu beachten. Gebetet werden kann alleine oder in der Gruppe mit einem Vorbeter, welcher laut betet.
Wenn man nun als Andersgläubiger hört oder sieht, wie ein Muslim betet, kann das sehr befremdlich wirken. Aber was bedeutet es und was wird denn genau gebetet?
Zunächst einmal ruft der Muezzin zum Gebet. Diesen Gebetsruf beginnt er mit "Allahu Akbar", was soviel heisst wie "Gott ist grösser/der Grösste".
Es kann also sein, dass man gerade mit seiner Einkaufstüte in der Mall umher spaziert und plötzlich die dezente Hintergrundmusik Platz macht für den Ruf zum Gebet.
Oder man bereitet über Mittag etwas in seinem Schulzimmer vor und hört von einer nahegelegenen Moschee auf einmal ein leises "Allahu Akbar".
Oder man ist mit dem Auto unterwegs und hört aus dem Radio auf einmal... das Gleiche gilt übrigens bei einigen Fernsehsendern.
Nun ist es in Dubai nicht so, dass die Muslime alles stehen und liegen lassen, um zum Gebet zu eilen. Gebete können auch zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden, sodass man weiter gemütlich im Starbucks sitzen bleiben oder bei Zara Kleider shoppen kann.
Es kann aber auch durchaus passieren, dass man irgendwo ausserhalb der Mall in einem Kaffee sitzt und plötzlich ein Taxifahrer zur Tür hereinstürmt und die Bedienung ganz atemlos nach dem Weg zur nächstgelegenen Moschee fragt.
Das Gebet wird eröffnet mit den Worten aus der ersten Sura des Qur'an (Suraat al-Fatiha):
„Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen.
Lob sei Gott, dem Weltenherrn,
Dem Erbarmer, dem Barmherzigen,
Dem Herrscher am Tage des Gerichts.
Dir dienen wir und zu Dir rufen wir um Hilfe.
Leite uns den rechten Pfad.
Den Pfad derer, denen Du gnädig bist, nicht derer, denen Du zürnst, und nicht der Irrenden.“
Zweifellos gibt es sowohl inhaltlich als auch rituell grosse Unterschiede zwischen dem Christentum und dem Islam. Ich bin mir dessen vollkommen bewusst, habe ich mich mit dem Thema in der Vergangenheit doch sehr intensiv auseinandergesetzt. Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, habe ich grossen Respekt vor der mir fremden Kultur und Religion. Seit ich die Worte des Gebets verstehe, berührt mich der Gebetsruf und ich empfinde Achtung vor den Menschen, die die Gebetspflicht auch in der heutigen Zeit noch ernst nehmen und ihr Leben danach ausrichten.
Viele Leute mögen das nicht mehr zeitgemäss finden. Heute fokussiert man sich im Alltag ja auf ganz andere Dinge. Alles muss schnell gehen und effizient sein. Abläufe werden stetig perfektioniert, damit alles möglichst reibungslos läuft. Zeit ist schliesslich Geld. Reflektiert wird höchstens über das eigene Arbeiten, das gehört ja zur Professionalität. Und es trägt zur Qualitätssteigerung der Arbeit bei.
Wann nehmen wir uns aber Zeit, um uns auf die Qualität unseres Wohlbefindens zu fokussieren? Wann halten wir im Alltag jemals inne, um uns auf das wirklich Wichtige zu konzentrieren? Als religiöser Mensch sehe ich in den täglichen Gebeten der Muslime genau das: Besinnung, Fokussiertheit, Innehalten.
Aber ob nun religiös oder nicht, jeder Mensch sollte sich im Alltag ab und zu Zeit nehmen, um über das wirklich Wichtige im Leben nachzudenken. Was das für den Einzelnen auch immer sein mag. Zeit, sich zu besinnen. Zeit, sich neu zu ordnen und auszurichten.
Und ich finde, in diesem Punkt können wir uns auf jeden Fall eine Scheibe abschneiden von der Fokussiertheit gewisser anderer Kulturen und Religionen.
Wir sassen also im GMC meiner Kollegin und fuhren in Richtung Autobahn. Von der Schule bis zur Autobahnauffahrt sind es knapp 5 Minuten durch grösstenteils noch unverbautes Gebiet. Auf dem Weg kamen wir an einem der grossen Busse vorbei, welche jeweils die Arbeiter von den Baustellen abholen. Der Bus stand am Strassenrand, alle Insassen standen daneben. Sie beteten. Kaum von der Baustelle losgefahren, war während der Fahrt plötzlich Zeit für das Maghrib-Gebet gewesen, welches jeweils kurz nach Sonnenuntergang gesprochen wird. Also hielt der Bus an, sodass die Arbeiter aussteigen und gemeinsam beten konnten. Nach 12 Stunden körperlicher Schwerstarbeit. Nach einem Tag, nach welchem man doch einfach nur noch so schnell wie möglich nach Hause will.
Das fand ich sehr eindrücklich und hat mich irgendwie berührt.
Religiöse Praktiken, insbesondere die Gebete, sind hier im Alltag sehr präsent. Es gibt in jeder Shopping Mall Gebetsräume, welche sich - für Männer und Frauen separat - in der Nähe der Toiletten befinden. Auch am Flughafen und in den öffentlichen staatlichen Gebäuden, beispielsweise dem Strassenverkehrsamt, gibt es Gebetsräume. Und natürlich in unserer Schule.
Man findet zudem sehr viele Moscheen hier (im Jahr 2012 waren es 1418 alleine in Dubai) und es werden immer noch mehr gebaut. Dabei gibt es kleine Moscheen für nur 100 Personen und andere, in denen über 1000 Menschen Platz finden. Man ist sehr bemüht darum, die eigene Religion zu fördern, was vermutlich daraus resultiert, dass man so viele Ausländer und deren Religionen und Kulturen in den Arabischen Emiraten Willkommen heisst. Das Fremde wird hier toleriert, das eigene zum Ausgleich verstärkt zelebriert. (Finde ich übrigens einen spannenden Ansatz, über den es sich nachzudenken lohnt. Dies nur am Rande).
Wie einige unter euch vermutlich wissen, beten Muslime fünfmal täglich. Dem Gebet geht eine rituelle Waschung voraus, die einen symbolisch reinigt. Frauen müssen sich, mit Ausnahme ihrer Hände und Füsse, komplett bedecken. Und auch Männer müssen mindestens knielange Kleidung tragen und ihren Oberkörper bedecken, damit das Gebet akzeptiert wird.
Das Gebet wird nach einem genau vorgegebenen Schema gesprochen. Der Bewegungsablauf und ein grosser Teil des Gebets sind vorgegeben. Man betet zunächst die erste Sura aus dem Qur'an. Diese wird ergänzt durch eine weitere, selbst gewählte Sura. Je nach Tageszeit giltt es dafür unterschiedliche Abläufe zu beachten. Gebetet werden kann alleine oder in der Gruppe mit einem Vorbeter, welcher laut betet.
Wenn man nun als Andersgläubiger hört oder sieht, wie ein Muslim betet, kann das sehr befremdlich wirken. Aber was bedeutet es und was wird denn genau gebetet?
Zunächst einmal ruft der Muezzin zum Gebet. Diesen Gebetsruf beginnt er mit "Allahu Akbar", was soviel heisst wie "Gott ist grösser/der Grösste".
Es kann also sein, dass man gerade mit seiner Einkaufstüte in der Mall umher spaziert und plötzlich die dezente Hintergrundmusik Platz macht für den Ruf zum Gebet.
Oder man bereitet über Mittag etwas in seinem Schulzimmer vor und hört von einer nahegelegenen Moschee auf einmal ein leises "Allahu Akbar".
Oder man ist mit dem Auto unterwegs und hört aus dem Radio auf einmal... das Gleiche gilt übrigens bei einigen Fernsehsendern.
Nun ist es in Dubai nicht so, dass die Muslime alles stehen und liegen lassen, um zum Gebet zu eilen. Gebete können auch zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden, sodass man weiter gemütlich im Starbucks sitzen bleiben oder bei Zara Kleider shoppen kann.
Es kann aber auch durchaus passieren, dass man irgendwo ausserhalb der Mall in einem Kaffee sitzt und plötzlich ein Taxifahrer zur Tür hereinstürmt und die Bedienung ganz atemlos nach dem Weg zur nächstgelegenen Moschee fragt.
Das Gebet wird eröffnet mit den Worten aus der ersten Sura des Qur'an (Suraat al-Fatiha):
Lob sei Gott, dem Weltenherrn,
Dem Erbarmer, dem Barmherzigen,
Dem Herrscher am Tage des Gerichts.
Dir dienen wir und zu Dir rufen wir um Hilfe.
Leite uns den rechten Pfad.
Den Pfad derer, denen Du gnädig bist, nicht derer, denen Du zürnst, und nicht der Irrenden.“
Zweifellos gibt es sowohl inhaltlich als auch rituell grosse Unterschiede zwischen dem Christentum und dem Islam. Ich bin mir dessen vollkommen bewusst, habe ich mich mit dem Thema in der Vergangenheit doch sehr intensiv auseinandergesetzt. Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, habe ich grossen Respekt vor der mir fremden Kultur und Religion. Seit ich die Worte des Gebets verstehe, berührt mich der Gebetsruf und ich empfinde Achtung vor den Menschen, die die Gebetspflicht auch in der heutigen Zeit noch ernst nehmen und ihr Leben danach ausrichten.
Viele Leute mögen das nicht mehr zeitgemäss finden. Heute fokussiert man sich im Alltag ja auf ganz andere Dinge. Alles muss schnell gehen und effizient sein. Abläufe werden stetig perfektioniert, damit alles möglichst reibungslos läuft. Zeit ist schliesslich Geld. Reflektiert wird höchstens über das eigene Arbeiten, das gehört ja zur Professionalität. Und es trägt zur Qualitätssteigerung der Arbeit bei.
Wann nehmen wir uns aber Zeit, um uns auf die Qualität unseres Wohlbefindens zu fokussieren? Wann halten wir im Alltag jemals inne, um uns auf das wirklich Wichtige zu konzentrieren? Als religiöser Mensch sehe ich in den täglichen Gebeten der Muslime genau das: Besinnung, Fokussiertheit, Innehalten.
Aber ob nun religiös oder nicht, jeder Mensch sollte sich im Alltag ab und zu Zeit nehmen, um über das wirklich Wichtige im Leben nachzudenken. Was das für den Einzelnen auch immer sein mag. Zeit, sich zu besinnen. Zeit, sich neu zu ordnen und auszurichten.
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| Gebetszeit in der Dubai Mall |

Bingo!
AntwortenLöschenAllerdings ist es halt das Wesen der Religiösität, Vorschriften einzuhalten. Beziehung pflegen ist etwas komplexer.
LöschenDa hast du vollkommen recht!
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