Freitag, 8. September 2017 - "Thank you Ma'am!"

Man sieht sie hier in Dubai überall und zu jeder Zeit: Die billigen Arbeitskräfte. Je nach Berufsfeld kommen sie aus Afghanistan, Pakistan, Indien, den Philippinen oder irgend einem anderen wirtschaftlich nicht sehr gut gestellten Land. Meistens sind sie sehr freundlich, zuvorkommend und fleissig. Und das, obwohl sie vermutlich für die 12-Stundenschicht, die sie arbeiten, nicht gerade grosszügig bezahlt werden.

Ich verlasse morgens das Haus. Die Rezeption des Gebäudes ist rund um die Uhr besetzt und ich gehe am Tresen vorbei, hinter welchem immer etwa die gleichen drei Personen im Wechsel sitzen. Heute ist es der Herr in Security-Uniform, vermutlich aus Afghanistan oder Pakistan stammend. Er grüsst mich mit einem freundlichem Lächeln: "Good morning Ma'am!"

Ich steige in den Shuttle-Bus, der mich im Moment täglich zur Arbeit fährt. Der Mann hinter dem Steuer grüsst, er scheint ähnlicher Herkunft zu sein wie der Security-Mann.
Bei der Schule angekommen passieren wir die Schranke zum Parkplatz. Ein Wachmann steht bereit und kontrolliert unseren Bus. Er lässt uns mit einem Kopfnicken passieren. Seine Herkunft lässt sich erahnen.

Nun gehe ich durch den Gang in Richtung meines Schulzimmers, auf dem Weg treffe ich mindestens drei Putzkräfte an. Eine davon ist eine junge Philippina welche mich allmorgendlich mit "Hello Ma'am" begrüsst. Sie lächelt und hält mir die Türe auf. Ich frage sie, wie sie heisst und stelle mich vor. Sie solle mich doch bitte einfach Rahel nennen, das "Ma'am" sei nicht nötig. Maria weiss nicht, wie sie darauf reagieren soll, ihr scheint die Situation unangenehm. Wahrscheinlich wird sie mich weiterhin mit Ma'am anreden.

In der Mittagspause mache ich mich auf den Weg zur Kantine. Ich schaue durch das grosse Fenster auf die Baustelle. Die Schule, an der ich arbeite, ist ein Neubau und es werden noch immer neue Gebäude dazu gebaut. Die Baustelle ist meistens voll mit afghanischen, pakistanischen und indischen Arbeitern, die in langer Hose und langärmligem Oberteil bei über 40 Grad arbeiten. Über Mittag machen sie jedoch Pause; einige legen sich auf einen grossen Karton in den Schatten des noch nicht fertigen Gebäudes. Einzelne verbringen die Pause drinnen, im Gang des fertig gebauten Teils der Schule. Sie sitzen da und essen etwas oder legen sich auf den Fussboden, auf dem Rücken und mit verschränkten Armen und übereinander geschlagenen Beinen.

In der Kantine stelle ich mich an, um mir Essen schöpfen zu lassen. Die Angestellten vom Catering kommen aus verschiedenen Ländern. Penelope kommt aus Afrika, sie spricht Französisch und fragt mich lächelnd "ça va?". Männer in weisser Kleidung, vermutlich die Köche, sprechen mit den Teaching Assistants in Tagalog, einer philippinischen Sprache. Alle sind sehr herzlich und zuvorkommend. Das dreckige Geschirr wird einem anschliessend mit einem Lächeln direkt aus der Hand genommen, kaum hat man den letzten Bissen hinuntergeschluckt - "was it good, Ma'am?".

Es ist Feierabend. Ich bin auf gleichem Weg nach Hause gekommen, wie ich am Morgen zur Schule gebracht wurde. Nun entscheide ich mich, noch für ein paar Besorgungen in die Dubai Mall zu fahren. Der pakistanische Taxichauffeur erzählt davon, dass er gerne einmal in die Schweiz reisen würde, "oh, it is so beautiful place". Ich stimme ihm zu und schaue aus dem Fenster. Beim Vorbeifahren sehe ich die Arbeiter einer Baustelle, welche Feierabend haben. Etwa 20 Männer sitzen am Strassenrand und warten auf den staubigen, grau-weissen Bus, der sie abholen und in ihre Unterkunft bringen wird. Ich frage mich, wie es dort wohl aussehen mag.
Wir kommen bei der Mall an und ich bezahle dem Taxifahrer umgerechnet 6 Franken. Er bedankt  sich - halb überrascht, halb erfreut - für die umgerechnet 60 Rappen Trinkgeld:  "Thank you, Ma'am!"

Auf dem Weg zum Supermarkt überhole ich einige Emirati Frauen und deren philippinische Nannys. Letztere schieben in einigem Abstand, ihre rosafarbenen oder hellblauen Arbeitskleider tragend, den Kinderwagen hinter ihrer Ma'am her.

Da ich bereits einige Male in diesem Supermarkt war, kenne ich mich ein wenig aus und bin mit meinen Einkäufen bald an der Kasse. Ein Herr asiatischer Herkunft steht da und weist mir die Kasse zu, bei der ich meine Einkäufe bezahlen soll. Die Lebensmittel gehen übers Laufband und werden sogleich von einem netten Mann unbekannter Herkunft in Einkaufstüten verpackt. Ich bezahle bei der philippinischen Kassiererin und mache mich auf den Weg nach Hause.

Beim Betreten des Hauses sehe ich einen indischen Mann, der gerade auf einem Roller vor der Einfahrt zur Garage hält. Auf seinem Gepäckträger befindet sich eine Box mit der Aufschrift "Subway", welcher er eine Plastiktüte entnimmt. Er eilt in Richtung der Eingangstür.

Für heute habe ich genug. Ich bin erschöpft und nehme mir vor, früh ins Bett zu gehen. Vielleicht werde ich ja morgen Abend wieder in das gemütliche Kaffee um die Ecke gehen. Die Desserts dort sind einfach fantastisch und echt preiswert. Und die asiatische Bedienung ist sehr zuvorkommend!

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